Kirchengemeinde Barskamp

Sonntag, 5. Juni, ab 10 Uhr Kirche St.Vitus in Barskamp:

Festgenuss der schönen Orgeltöne

( Wolfgang Wiegand ) Sie ist wieder da, strahlt in neuer Schönheit und klingt wieder so mächtig und rein wie einst vor 160 Jahren in der Zeit der Romantik: Nach rund siebenmo-natiger Restauration und umfangreichen Erneuerungen in der Ostfriesischen Orgelwerkstatt tönt die wertvolle Meyer-Orgel von der Empore in der Barskamper St.Vitus-Kirche durch den renovierten Kirchenraum wie 1856, als sie hier ihre erste Premiere und Einweihung feierte. Jetzt wird ihre Rückkehr in den ursprünglichen Zustand erneut mit einem großen Gottesdienst und Musikfest am Sonntag, 5. Juni 2016, gewürdigt.

 

So laden der Barskamper Vorstand der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde und ihr Pastor Martin Rutkies gewissermaßen zur zweiten Premiere am ersten Sonntag des Juni ab 10 Uhr nicht nur ihre eigenen Gemeindemitglieder aus Barskamp, Göddingen, Alt Garge, Walmsburg und Tosterglope ein, sondern auch die Gemeinden Bleckede und Garlsdorf werden dieses Ereignis mitfeiern. Dem Gottesdienst schließt sich ein Musikfest an, das von renommiert-virtuosen Organisten und verschiedenen Chören gestaltet wird. So werden Florian Fiechtner, Reinhard Gräler, Axel Fischer und Jan-Peter Heine im Wechsel für Werke von großen Komponisten  mit ihren schnellen Händen die Register ziehen und mit ihren flinken Fingern die zwei übereinander liegenden Manuale für die Melodien bedienen, während parallel dazu ihre Füße mit den Pedalen die Tonlagen und den Klang modulieren. Zudem werden Chöre den musikalischen Rahmen mitgestalten: So singen der Barskamper Kirchenchor, der Kleine Chor sowie der MGV Männergesangverein Frohsinn.

 

Das Fest kann bei wahrscheinlich schönem Wetter auch draußen vor der Kirche mit Grill-genüssen und Getränken und/oder im benachbarten Gemeindehaus fortgesetzt werden. Gegen 15 Uhr ruft Pastor Rutkies zu einem kurzen Gottesdienst und signalisiert damit den Schluss des Festes, in dessen Mittelpunkt die "Königin der Instrumente" -  wie Orgeln schon seit ihren Ursprungsjahren gerne bezeichnet werden - steht.

 

Die aufwändige Restauration der historischen und wertvollen Barskamper Orgel wurde durch Rückstellungen aus dem Gemeinde-Etat, durch Zuschüsse der Landeskirche und Spenden, die ein fünfköpfiger Arbeitskreis Orgel aus engagierten Gemeindemitgliedern, Kirchenvorstand, einem Berater und unter Leitung von Pastor Rutkies ehrenamtlich akquiriert, sodass die benötigten 120.000 Euro schon nach einer sechsmonatigen Aktion zusammenkamen. Dabei spielten kleine und große Spenden von Gemeindemitgliedern, heimischen Unternehmen, Familien aus der Landwirtschaft sowie Stiftungen wie Klosterkammer, Ritterschaft, Bingo und von der Volksbank eine großartige Unterstützung, sodass die dringlichen Arbeiten an der kranken Orgel zügig angegangen werden konnten. Der Auftrag zur Sanierung und Komplett-restaurierung wurde an die angesehene Orgelbauwerkstatt in Uplengen (Ostfriesland) zu einem Festpreis vergeben.

 

Am Anfang  stand die tagelange Demontage der Orgel unter Leitung des Orgelbaumeisters und Technikchef der Werkstatt, Martin ter Haseborg. Dabei wurde das Instrument Stück für Stück

in über 1000 Teile zerlegt und in mehreren Fahrten in die 250 Kilometer entfernte Werkstatt transportiert. Hier erst zeigte sich detailliert, in welchem Umfang saniert und erneuert werden musste, um nicht nur die "Sünden aus der Vergangenheit" (Rutkies) zu beseitigen, sondern auch die im Laufe der vielen Jahre seit der letzte Inspektion vom Schimmel befallenen Wind- gänge und Holzpfeifen neu zu bauen und auszutauschen.

 

Um die Orgel wieder so wie von den Gebrüdern Eduard und Carl Ludwig sowie ihrem berühmten Vater, dem im damaligen Königreich Hannover lebenden Hoforgelbauer Ernst Wilhelm Meyer konzipierten Instrument, klingen zu lassen, musste es in den technischen und materiellen Zustand von 1856 rückversetzt werden. Das traf in erster Linie für die Luftkraft der wertvollen Meyer-Orgel zu, denn die ursprünglichen Balganlagen, die zuvor im Turmraum  die Luft erarbeiteten und pressten, die für die Melodien und Kraft der Töne nötig war, sind einem Kamin für die Heizungsanlage geopfert worden. Sie wurden durch einen einzigen, vergleichsweise winzigen Balg im Unterbau der Orgel ersetzt, der nicht die nötige Puste lieferte, um das langestreckte Kirchenschiff raumfüllend mit feinen Tönen zu bespielen. Hinzu kamen unheilvolle, klangverändernde Eingriffe: So mussten auf Anordnung des deutschen Kaisers und obersten Kriegsherren Wilhelm II. 1917 die 43 Prospektpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung (sichtbar, gestalten die Front der Orgel) als kriegswichtiges Material demontiert und später gegen billige Zinkpfeifen ersetzt. Noch einschneidender waren schließlich Umbauten um 1939, als in der sogenannten "Orgelbewegung" die romantische Meyer-Orgel technisch so verändert wurde, dass damit nach Meinung von Fachleuten eine "klanglich unvorteilhafte Entstellung" einherging. Weitere Sünden wurden bei späteren Wartungsarbeiten begangen, weil Originalteile durch billige Plastik-Winkel ersetzt wurden.

 

Dies und mehr wurde in vielstündiger Handarbeit nach gründlichen Forschungen wieder durch Rekonstruktionen behoben. Wobei der Geschäftsführerin der Orgelbaufirma und Ehefrau vom Orgelbaumeister ter Haseborg, Kirstin Karm, als gelernter Metallformerin die Aufgabe zufiel, mit Hilfe der Metallurgie die Originalzusammensetzung der Blei-Zinn-Legierungen zu ermitteln, wie sie im 19. Jahrhundert von den Meyers aus Hannover verwendet wurden. Erst dann konnte sie das Material nachgießen und wieder exakt Pfeifen a la Meyer formen und löten. So entstanden 137 Pfeifen komplett neu und mehrere Hundert konnten damit ergänzt und repariert werden. Insgesamt wurden 837 Pfeifen erneuert - auch 266 aus speziellen  Fich-ten- und Lärchen-Hölzern, die eigens aus Finnland importiert wurden. Für einige Pfeifen wurde auch heimische Eiche verleimt.

 

Tage- und wochenweise arbeiteten im Licht mächtiger Strahler verschiedene Teams der Orgelbauer zum Schluss auf der Kirchenempore und gaben der Meyer-Orgel den letzten Schliff. Sie fertigten dabei auch neue Gestelle für größere Bälge an, sodass die historische Meyer-Orgel jetzt so viel Luft bekommt, dass die Barskamper Kirche endlich wieder von den Klängen aus der Früh- und Hochromantik erfüllt wird. "Sie werden es hören und spüren", schwärmt Meis-ter ter Haseborg und Pastor Rutkies fiebert schon dem Orgelfest am 5. Juni entgegen.




In der St.-Vitus-Kirche zu Barskamp befindet sich eine Orgel, die Mitte des 19. Jahrhunderts von der angesehenen Orgelbauwerkstatt Meyer in Hannover gebaut wurde und im Blick auf die noch alt erhaltenen Pfeifen als Klangdenkmal einzustufen ist. Das Instrument besitzt zwei Manuale und Pedal, wie zur Zeit der Erbauung im Jahre 1856, mit 17 Registern.

Diese Orgel könnte zu den "Orgelschätzen" in der Lüneburger Heide gehören, wenn Sie nicht im ersten Weltkrieg ihre klingenden Prospektpfeifen verloren hätte und später, im Jahre 1939, sogar im neobarocken Sinn klanglich "aufgehellt" und damit entstellt worden wäre. Auch die alte Balganlage, die "Lunge" der Orgel, existiert nicht mehr in ihren alten Abmessungen und wurde radikal verkleinert. Ihre ursprüngliche Fülle an warmen, raumfüllenden Grundstimmen besitzt die Barskamper Meyer-Orgel seither bedauerlicherweise nicht mehr, die Klangstilistik ist erheblich geändert und die klanglichen Beziehungen der Teilwerke zueinander gestört.

Orgeln aus der Orgelbauwerkstatt Meyer - seit 1810 zunächst von Hoforgelbauer Ernst Wilhelm Meyer, ab ca. 1840 von seinem Sohn Eduard - zeichneten sich grundsätzlich durch einen verhältnismäßig kräftigen Klang aus. Einem I. Manual mit kraftvollen Principal-Stimmen, einer passenden Mixtur als Klangkrone und einem fülligen Bordun in tiefer 16-Fuß-Lage stehen üblicherweise echoartige Stimmen im II. Manual gegenüber. Beide Werke enthielten zudem charakteristische Flöten- und Streicherstimmen in normaler 8-Fuß-Lage. Die Möglichkeit, mit unterschiedlich farbigen Grundregistern passende und angenehme, unaufdringliche Klänge zur Darstellung von konzertanten Kompositionen wie auch liturgischen Improvisationen bereitzuhalten, war typisch für Meyer-Orgeln. Deshalb wurden sie von zahlreichen Sachverständigen zur Zeit ihrer Erbauung hochgelobt.

Gerade die 1850er Jahre, zur Zeit der Erbauung der Barskamper Orgel, können als Blütezeit der Meyerschen Werkstatt gelten, in denen große und bedeutende Orgeln im damaligen Königreich Hannover, u.a. Marktkirche Hannover, Klosterkirche Loccum und St. Johannis Lüneburg, ganz neu gebaut oder neu konzipiert wurden. Aber nicht nur damals sondern auch heute noch können solcherart erhaltene Instrumente, gerade auch die kleineren zweimanualigen Orgeln, uneingeschränkt überzeugen.

An vielen Orten in der hannoverschen Landeskirche sind Meyer-Orgeln in alter Pracht - ganz original oder nach sorgfältiger Restaurierung - zu erleben: als "Orgelschätze" im eigentlichen Sinn des Wortes. Und auch für die Barskamper Meyer-Orgel gibt es jetzt die Möglichkeit, das ursprüngliche, raumbezogene Klangbild wiedererstehen zu lassen. Ein landeskirchlich eingesetzter Orgelsachverständigenausschuss unterstützt und berät als fachkundiges Gremium den Kirchenvorstand in Barskamp, damit auch hier möglichst bald wieder ein Meyerscher Orgelschatz zu hören ist.

Ein notwendiges und lohnenswertes Vorhaben, das uneingeschränkte Unterstützung verdient !

Axel Fischer (Bergen/Dumme)
Mitglied im Orgelsachverständigenausschuss
(September 2013)



Hier geht es zum Internetauftritt der Firma die sich um die Renovierung kümmert:
http://www.orgelbau-ostfriesland.de

Und hier sind viele Informationen zum Orgelbaumeister Martin ter Haseborg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_ter_Haseborg